Sonntag, 27. Juli 2014

Kitulgala

07:00. Der Alarm rüttelte mich aus dem Dämnerschlaf. Eine Stunde blieb uns, um all unseren Plunder in die drei Rucksäcke zu stopfen. Am Vorabend holte ich mir bei Nick noch ein paar Reisevorschläge. Wenn ich schon bei zwei Reiseorganisatoren untergebracht war, sollte ich es doch auch nutzen.
Meine Vorbereitungen nach Sri Lanka fielen im Vorfeld eher gering aus. Während sich mein Freund jeweils je nach Reiselänge bereits Wochen oder Monate zuvor mit Reiseberichten, Karten und Bilder auf die Reise vorbereitete, schaffte ich es erst eine Woche zuvor einen Führer auszuleihen. Eine etwas ältere Karte fand ich schon etwas früher im Brockenhaus. Die Karte lieferte mir bis jetzt ausgezeichnete Dienste, vergesse ich doch immer wieder die Ortsnamen, verwechsle sie, oder vertausche die Buchstaben. Anuradhapura, Polonnaruwa und Kandy bilden das kulturelle Dreieck. Buddistische und hinduistische Tempel, der Löwenfelsen mit den Wolkenmädchen Fresken, Höhlentempel oder antike freigelegte Königsstädte, am liebsten wollten wir alles sehen. In Gedanken sah ich uns bereits in Socken, Schuhe seien nicht erlaubt zu tragen, über den heissen Felsen gehen, um die Höhlentempel zu besichtigen. In Anuradhapura würden wir ein Fahrrad mieten und mit unseren schwarz, blau und orangen Rucksäcken auf dem Rücken die ausgegrabenen Tempel besichtigen. Aber sollten wir über Kandy oder Anuradhapura reisen? Lag überhaupt alles drin in fünf Tagen? Die colombische Hitze machte uns zu schaffen, ich sehnte mich nach Ruhe, die Jungs auch. Sie wollten gar all unsere vagen Pläne hinschmeisen und direkt nach Arugam Bay Reisen, um dort zu baden und zu relaxen. Als Nick mir dann sagte, dass Kandy die zweitgrösste Stadt in Sri Lanka sei, wollte ich nicht mehr unbedingt dorthin. Stattdessen schlug er uns Kitulgala vor, am Fluss. Sie seien erst vor einer Woche dort gewesen. Radhika könnte mir morgen vielleicht auch einen guten Preis aushandeln. Ihre Kontaktdaten waren vorwiegend für etwas betuchtere Gäste. White River Rafting würde uns sicher gefallen.




Um acht Uhr brachen wir auf. Radhika war noch ganz verschlafen. Ich verzichtete auf ihre Kontaktdaten, wir würden schon was finden. Ich rief Christopher an der uns 15 Minuten später abholte und zur Bus Station fuhr. Auf dem Weg zeigte er uns verschiedene Gebäude, hielt bei einem grossen Buddha. Seine Tochter hätte sich so auf den Zoo gefreut. Mich plagte das schlechte Gewissen und ich bereute es sehr, dass wir nicht doch einfach den Zoo besuchten, trotzt der Abmachung mit Radhika, die ja eh erst später kam, oder dem hohen Eintrittspreis von fast 4000 Rupien, was etwa 40 Schweizer Franken waren. Für Einheimische soll es bedeutend billiger sein, nur 100 Rupien. Auch später im Bus war ich noch traurig über das verpasste Erlebnis, die verpassten Tiere, Tänze und die nicht vertiefte Bekanntschaft mit Susanna, seiner kleinen Tochter.


Im Bus liefen vier Stunden lang Sri Lankische Musikvideos. Die Frauen tanzten in pinkigen Röcken und die Männer sangen in grünen Shirts und schwarzen Gillets. Später sang doch auch noch eine Frau mit langen gezöpfelten Haaren, immerhin. Die Kid's schliefen oder schauten nach draussen. Eine ganze Stunde brauchte es bis wir nur schon aus Colombo raus waren. Ueppiges Grün, farbige Häuser, Gärten und Bäche, langsam konnte ich Phillips Brooks Aussage von 1883  über Ceylon nachvollziehen: "I think it must be the most beautiful place in the world." Bald darauf wurde es kurviger, es ging aufwärts. Immer wieder überquerten wir den Fluss. Er sah wild aus, hier sollten wir mit dem Schlauchboot runter?



Anhand der Werbetafeln erkannte ich durch welches Dorf wir gerade fuhren. Einzelne Häuser fügten sich in die Hänge am Strassenrand. Einen Dorfkern schien es hier nicht zu geben. Wir späten nach einer Tafel mit der Aufschrift "Adventure Base Camp". Sahen wir die, wusste ich wir sind zu weit gefahren. Irgendwo in Kitulgala stiegen wir aus. Ein junger Bursche fragte uns ob wir für ein paar Tage hier blieben. "Just one night. We would like to do white river rafting. Do you now the place Adventure Base Camp?" -"Yes, I am also a River Guide, let me bring you to the Camp." Er rief für uns ein Tuk Tuk und wir fuhren wieder etwas zurück. Es konnte also nicht das Camp sein, ind das ich eigentlich wollte. Der Junge schien mir jedoch sympatisch und wir gingen mit. Ohne jegliche Hinweistafel führte eine Treppe aus Dreck, Holzstücken und Steinbrocken runter zum Fluss. Der Camping war idyllisch, in einer Holzhütte standen Tische, es gab Bänke und wenige Zelte auf einer Holzkonstruktion mit inklusive je einem winzigen Vorgarten. Wir sagten schnell zu, endlich Natur.


Wenige Minuten später waren wir für die Flussfahrt umgezogen, die verkommene Treppe wieder hoch, das Nötigste in einem wasserfesten Beutel verpackt. Das Tuk Tuk wurde ausgetauscht, Benzin nachgefüllt. All paar hundert Meter stand es still. Schlüssel raus, hinters Tuk Tuk, Kofferraum auf, tschag tschag, wieder vorne rein. Schlüssel drehen, Hebel zweimal kräftig rauf, beim ersten mal klappte es nie, und wieder ein paar hundert Meter weiter. Irgendwann bezwangen wir die kurvige Strasse und hielten vor einem steinernen Unterstand mit drei grossen Booten. Zwei violette und eine kleinere orange Schwimmweste lagen bereits parat, Helme auch. Die ganze Tasche könne ich nicht mitnehmen, die sei zu gross. Im Materialraum konnte ich den Rest im Stoffsack deponieren. Mein iPhone mit der neuen wasserfesten Hülle sollte auch mitkommen. Mit Paddel, Helm und Weste ging es ein wenig die Strasse hoch, dann wurden wir angehalten die Treppe runter zu gehen und unten zu warten. Sie wollten noch das Boot holen. Och nein, ich vergass mein iPhone in der Stofftasche. Das sei kein Problem, der nette Fahrer würde sie mir bringen. Etwas wiederwillig stiegen wir durch den Dschungel runter an den Fluss. Langsam wurde uns mulmig. Amael meinte, es wäre seltsam, dass wir die einzigen auf dem Camping waren, es keine Werbetafel besass. Immerhin war der Unterstand mit den Booten mit "Eclusive Adventure" beschriftet, es gab Fotos und Ausrüstung, wenn auch nicht besonders viel. Mein Natel vergessen, wie konnte ich nur. Mit Badehosen, Pässen und unserem Bargeld, eigepackt in einer stark wärmenden Schwimmweste mit gelbem Helm und Paddels in den Händen warteten wir endlose Minuten.


Mein Geduldsfaden riss, die Nerven waren angespannt. "Jungs wir gehen hoch. Ich will mein Telefon bei mir haben." Wir stampften also den langen Weg zurück. Obwohl es hinauf ging waren wir bedeutend schneller als auf dem Hinweg.
Unser Führer stopfte sich gerade in Eiltempo mit den Fingern den Reis in den Mund. "Sorry, it's my breakfast." Es war nach ein Uhr Nachmittags. Ich hätte meine Kamera vergessen. "No problem!" Der Tuk Tuk Fahrer brachte mir meine Stofftasche, das Telefon fehlte. "No problem, you go back yourself and look." Gesagt getan. Auf der Ablage im Materialschuppen war es auch nicht. Hier sah ich es zuletzt. Es musste einfach hier sein. Ich fand es am Boden unter den restlichen Westen. Erleichterung. Nun war's gut. Die Böötlifahrt konnte losgehen.


Wieder runter zum Fluss, diesmal die zwei Guides voran. Mein Betreuer, ich sage ihm mal Paul, seinen richtigen Namen hat er mir später verraten, und ich ihn schon während er ihn aussprach wieder vergessen, also Paul hat es irgendwie gemerkt, dass ich nicht mehr alleine runter wollte. Der Haupt-river-rafting-Guide gab uns eine kurze prägnante Einführung: "Paddel forward, paddel backwards, hold the rope, sit down, sit down!" Ich verstand sein "sit down" nie. Erst nachdem jeweils Rian sass, erkannte ich sein Ausruf und sass so schnell ich konnte runter. Natürlich waren wir dann bereits über die gefährliche Stelle hinweg.

(Noch was zum Lachen...Grüße von Rian)


Drei wilde Hauptstellen würden wir passieren. Wir paddelten vorwärts. Der Hauptguide lenkte uns äusserst kompetet, korrigierte mich, wenn ich das Paddel falsch hielt oder das Seil. Warum korrigierte er nur mich? Ich kann es nicht sagen, vielleicht war ich einfach zu sehr beschäftigt auf Rian zu gucken, dass er nicht rausfällt. Erst nach der zweiten Stromschnelle entspannte ich mich. Das Boot war riesig, wir steuerten sicher an den wunderschönen Felsen vorbei, ich genoss es, die Jungs auch. Vor uns tauchte die Brücke auf aus dem berühmten Film "Bridge over River Kwai" von 1957. Erst kürzlich suchten Taucher mit einer Videokamera unter der Brücke nach Material vom Film. "The train is still there, 27 foot under the water!" Hier kentere das Boot manchmal, einfach die Arme über der Brust verschränken und Füsse voran. Ich durfte, oder musste nach vorne, pflitsch plotsch nass kamen wir davon. Aber das waren wir eh schon. Unsere Guids sorgten mit ihren Paddeln immer wieder nach Abwechslung und spritzten vor allem die Jungs voll Wasser. Der letzte Teil war schwimm Pflicht, sie schmissen den jüngsten über Bord, ich ging freiwillig. Turnschuhe nass. Das würde noch geruchsstarke Folgen haben, so schnell trockneten sie nicht im kühlen Klima von Kitulgala.




Z'Vieri und Z'nacht assen wir im Camp. Das Essen war nicht besonders, immerhin war es nicht scharf. Bis zur Dämmerung lasen wir draussen. Später bruzelte ein Feuer, bei Kerzenlicht spielten wir Uno. Auf dem ganzen Camp war ich die einzige Frau. Es fühlte sich etwas einsam an und Amael und ich waren uns einig, dass Reisen auch anstrengend sein konnte. Mit dem Fahrrad unterwegs zu sein sei eben schon toll, dabei sei man so unabhängig, konnte überall rasten. Hier hingegen waren wir auf Busse, Führer und Tuk Tuk Driver angewiesen. Fühlten uns ab und zu von der fremden Welt überrumpelt. Aber mutig voran, es wurde immer besser. Wir würden uns schon daran gewöhnen.




Beim Abendessen gesellte sich noch ein weiterer dunkelhäutiger Holländer unter uns wenige Gäste. Wir tauschten unsere weiteren Reisepläne aus. Er kam vom Yala Nationalpark. Wir sollten unbedingt ein Gesichtstuch mitnehmen. Es werde wahnsinnig staubig wenn die Fahrer zu den Wasserquellen rasten.


In der Nacht zirpte und zwitscherte es unentwegt und wunderschön. Eine Woche vor der Abreise hörte ich während der Autofahrt zur Arbeit eine DRS2 Sendung über Geräuschkulissen. Eine Abholzung von bereits einigen Bäumen konnte die Geräusche für mehrere Jahre verändern, die Vielfalt stark einschränken. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Geräusche noch vielfältiger sein könnten. Es war ein einmaliges Erlebnis in dieser Klangwelt einzudämmern.